G20-Gipfeltreffen und die Machtdistanz

Früher als informelles Treffen der Finanzminister gedacht, erhebt sich der G20 zu einem Gipfeltreffen der Spitzenpolitiker und Regierungschefs weltweit, sozusagen auf dem Olymp der Macht. Macht? Oder doch „nur“ Völkerverständigung auf höchster Ebene?

Macht und Widerstand

Wo Macht herrscht, da ist auch Widerstand. Bei dieser Großveranstaltung in Hamburg werden wieder höchste Sicherheitsvorkehrungen getroffen, Straßen und ganze Stadtviertel abgesperrt, Verkehrswege kontrolliert oder umgeleitet, Bannmeilen festgelegt und mit Wachposten belagert. Bewaffnete Polizisten patrouillieren an Straßenecken, Passanten werden kontrolliert. Die Stadt mutiert zu einer Haftanstalt, die Bürger werden zu Insassen. Die Gefängniswärter laufen emsig hin und her, denn der Direktor erhält Besuch anderer Überwachungsdirektoren. Alles für die Sicherheit der Insassen, pardon, der Bürger natürlich -  und ja, auf Kosten der Freiheit natürlich.

Reaktion auf Macht

Wie reagiert der Mensch auf solch eine Machtdemonstration? Auf einige wirkt sie einschüchternd, andere fühlen sich sicher & geborgen, es gibt Menschen, die in Führung und Verantwortung gehen – und dann gibt es einige, die diese gefühlte Ungleichheit unter den Menschen als Entwertung der Masse sehen. „Die da oben“ überwachen und kontrollieren „die da unten“ – und die Unterdrückten greifen mit Tränengas in den Augen dann schon schnell mal zum Molotov Cocktail, während die Elite sich an der Bar feiert oder unter tosendem Applaus feiern lässt. Ja, so kann „welcome to hell“ aussehen.

Geringe Machtdistanz – Große Machtdistanz

Wie nun auf Macht reagiert wird, unterscheiden die Kulturwissenschaft mithilfe der Kulturdimension „Machtdistanz“, die ein jeder Mensch im Laufe seines Lebens, von Generation zu Generation erlernt. Bei Kulturen mit geringer Machtdistanz wird Ungleichheit so gering wie möglich gehalten, und wenn, dann liegt es auf rein praktischen Gründen. Diese Kulturen haben eine Tendenz zu Dezentralisation. Diese Menschen erwarten, dass sie in wichtige Entscheidungen miteinbezogen werden, erst diese Fragen vorher mit ihnen diskutiert und eine Entscheidung unter Berücksichtigung der Mehrheit gefällt wird. Auch ist in solchen Kulturen nichts ungewöhnliches, Prominente und Politiker in einer U-Bahn neben sich sitzen zu sehen, und nicht etwa in Begleitung eines 20köpfigen Security-Teams und Bodyguards, die in Limousinen und einem unendlichen Autokorso den royalen Herrscher zum Shopping chauffieren. Nein, hier steht eher „Volkeswille“ im Vordergrund, weniger die der Repräsentanten. So auch in Unternehmen, in den die Vorgesetzten Coaches und Partner sind, und nicht etwa „der Boss“.

Für Mitglieder des Kulturkreises mit großer Machtdistanz wirkt das bisher Gesagte recht befremdlich. In ihren Augen ist dieses Gefälle von Macht sogar erwünscht. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, dann kann es sehr wohl sein, dass auch die Autorität nicht anerkannt wird. Diese Autorität ist Teil der hierarchischen Struktur zwischen oberer und unterer Schicht – denn auch dieser Unterschied wird als naturgegeben hingenommen; alles wird zentral, aus der „starken Hand“ eines charismatischen Führers gesteuert – Entscheidungen werden willkommen geheißen, da in dem Herrscher im Idealfalle ein wohlwollender Autokrat oder „gütige Vater“ gesehen wird. Begründung der eigenen Handlung, Werben um Ideen oder gar mühsame Überzeugungsarbeit leisten? Nein, kurze Ansagen genügen. Dies findet sich auch in Unternehmen wieder, da im Management die Rolle der Führungskraft im Vordergrund steht. Es wird automatisch erwartet, dass die Mitarbeiter allen Entscheidungen folgen. Ja, hier legt man Wert auf Titel und Status – hier ist man Manager oder mindestens aber leitender Angestellter. Wert auf Mitspracherecht, hier völlig überbewertet.

Beobachten, beobachten, beobachten!

Einige Leser dürften sofort und spontan sich und sein Umfeld erkannt haben. Aber wer sagt, dass diese Einschätzung zutreffend ist, zumal das Selbstbild ja auch durch die eigene Kulturbrille gesehen wird. Das Umfeld? Auch diese unterliegen den kulturellen Gewohnheiten und Regeln. Hilfe könnten zwei Dinge sein. Erstens das Gespräch mit Menschen mit anderem Kulturhintergrund. Dabei ist emotionales Fingerspitzengefühl und eine belastbare Vertrauensbasis notwendig. Denn schließlich sind Mißverständnisse vorprogrammiert. Zweitens eine stetige Beobachtung von Verhaltensweisen. Dabei immer sich fragen: was für ein Verhalten sehe ich? Was ist die Motivation, der Antrieb, der Hintergrund dieses Verhaltens? Und welchen Wert, Bedeutung gibt ihm die agierende Person - und welche ich. Langfristig ist der Erwerb von Handlungsalternativen unvermeidbar. So wird man interkulturell kompetent.

Eigene Kulturbrille absetzen

Das G20 Treffen wird vermutlich überwiegend durch die eigene Kulturbrille gesehen, diese gänzlich abzulegen oder davon zu distanzieren ist kaum möglich oder fällt zumindest sehr schwer. Das Maß an Machtdistanz beschreibt unsere Kultur, auch die persönliche in den Familien. Wir selbst entscheiden, wie wir sein wollen, welchen Wert wir einem jeweiligen Ereignis zumessen wollen -  und wie wir unseren Beitrag in der Gesellschaft zukünftig tätigen. Sich dieser „Kulturbrille“ bewusst zu sein, ist sicherlich der erste Schritt in die richtige Richtung.

G20 und die Machtdistanz
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